US-Handelsminister Howard Lutnick erklärte am 1. September, die Trump-Regierung vertraue Anthropic wieder, nach monatelangem Streit um Sicherheitsauflagen.
Während Anthropic auf den größten Börsengang der Tech-Geschichte zusteuert, streiten zwei Teile derselben US-Regierung öffentlich darüber, ob dem Unternehmen zu trauen ist. Für Unternehmen, die auf US-amerikanische KI-Anbieter setzen, ist das mehr als eine Randnotiz.
US-Handelsminister Howard Lutnick erklärte am 1. September, die Trump-Regierung vertraue Anthropic wieder, nach monatelangem Streit um Sicherheitsauflagen.
Nur zwei Tage später bekräftigte das Pentagon, Anthropic gelte weiterhin offiziell als "Lieferketten-Risiko", trotz eines Gerichtsurteils, das diese Einstufung Ende August für rechtswidrig erklärt hatte.
Parallel bereitet Anthropic den Börsengang vor: Prospekt nach dem Labor Day, Investorentag Mitte September, Listing im September oder Oktober, Bewertung Berichten zufolge zwischen 1,5 und 2 Billionen US-Dollar.
Der Konflikt reicht bis ins Frühjahr 2026 zurück. Anlass war ein rund 200 Millionen US-Dollar schwerer Vertrag zwischen Anthropic und dem Pentagon über den Einsatz von Claude-Modellen in klassifizierten Systemen. Anthropic bestand auf vertraglichen Grenzen: Die eigenen Modelle sollten weder in autonomen tödlichen Waffensystemen noch in der Massenüberwachung im Inland eingesetzt werden dürfen. Das Verteidigungsministerium lehnte das ab, mit der Begründung, ein Auftragnehmer dürfe dem Militär keine Einsatzregeln vorschreiben. Kurz darauf stufte das Pentagon Anthropic offiziell als "Supply Chain Risk" ein, eine Einstufung mit Signalwirkung für andere Behörden und Zulieferer.
Ende August gab es einen ersten Etappensieg für Anthropic: Ein Bundesrichter in Kalifornien erklärte die Einstufung für rechtswidrig und bezeichnete sie laut Urteilsbegründung als "unlawful retaliation" (unrechtmäßige Vergeltung) gegen die Meinungsäußerung des Unternehmens. Wenige Tage später, am 1. September, sagte Handelsminister Lutnick im Interview mit Axios am Rand des G20-Innovationstreffens, die Regierung vertraue Anthropic wieder, das Unternehmen habe getan, "was das Weiße Haus verlangt hat". Am Folgetag stellte er auf der Konferenz selbst Anthropic-Mitgründer Tom Brown den versammelten G20-Ministern vor.
Am 3. September widersprach das Pentagon dieser Lesart öffentlich: Der zuständige Staatssekretär erklärte, die Einstufung als Lieferketten-Risiko gelte für die Rüstungsindustrie weiterhin unverändert, unabhängig vom Gerichtsurteil und unabhängig von Lutnicks Aussagen. Innerhalb weniger Tage hat die US-Regierung damit drei unterschiedliche Positionen zu ein und demselben Unternehmen vertreten: ein Gericht, das die Sanktion kippt, ein Ministerium, das öffentlich Vertrauen ausspricht, und ein anderes Ministerium, das an der ursprünglichen Einstufung festhält.
Unabhängig von diesem Streit hält Anthropic am eigenen Zeitplan fest: Prospekt nach dem Labor Day, ein Investorentag Mitte September, Listing im September oder Oktober. Die kolportierte Zielbewertung von 1,5 bis 2 Billionen US-Dollar würde den größten Börsengang der Geschichte markieren. Das operative Geschäft liefert dafür durchaus Substanz: Für das zweite Quartal 2026 wird erstmals ein operativer Gewinn von rund 559 Millionen US-Dollar geschätzt, bei einem Umsatz von rund 10,9 Milliarden US-Dollar. Die politische Auseinandersetzung mit dem Pentagon wird dadurch nicht gelöst, sie läuft in einer anderen Arena weiter, während Investoren langfristige Wetten auf das Unternehmen abschließen.
Die wenigsten Mittelständler schließen direkt Verträge mit einem KI-Anbieter wie Anthropic ab, sie nutzen dessen Modelle meist über vorgelagerte Tools und Plattformen. Trotzdem zeigt dieser Fall etwas Grundsätzliches: Innenpolitische Spannungen im Heimatland eines Anbieters können globale Folgen für die Verfügbarkeit eines Dienstes haben. Das kann die Erwägung lokal gehosteter oder europäischer Modelle deutlich gewichtiger machen, als sie es bislang für viele war.
Der KI-Lagebericht von kiventro: Einordnung statt Hype, direkt aus unserer Projektarbeit.
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